Interview: Jochen Rabe

 

“Wasser war, ist und bleibt ein zentrales Thema der Stadtentwicklung.”

Prof. Jochen Rabe ist Experte für nachhaltige Stadtentwicklung und Digitalisierung. In seiner mehr als 20jährigen Berufslaufbahn, davon über 10 Jahre in Großbritannien, hat er zahlreiche interdisziplinäre Forschungsprojekte durchgeführt sowie für große Unternehmen Beratungsteams aufgebaut und geleitet. Er studierte an den Universitäten Cambridge, Oxford und Hamburg und hält im Rahmen des hochschulübergreifenden Einstein Center Digital Future (ECDF) seit drei Jahren eine Professur für Urbane Resilienz und Digitalisierung inne, die er neben der Geschäftsführung des KWB weiterführen wird. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen neben dem rapiden Wandel der Stadt durch die Digitalisierung in Wirtschaft, Infrastruktur und Umwelt auch die grün-blaue Infrastruktur.

Jochen, du bist jetzt schon seit dem 1. Juni beim KWB – wie gefällt es dir bei uns und was ist deine Vision für die Zukunft des KWB?

Es gefällt mir ausgezeichnet. Ich habe ein tolles Team mit vielseitigen Fähigkeiten und Talenten kennengelernt. Das bestärkt mich in meinem Vorhaben, das KWB in seiner Position als Treiber für Innovationen im Bereich Wasser weiter voranzubringen. Dazu gehört für mich auch ein besonderer Fokus auf die Schnittstellen Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit – und das sowohl in Berlin als auch darüber hinaus. Ich bin überzeugt, dass gerade das KWB durch seine Aufstellung als anwendungsorientierte Forschungseinrichtung prädestiniert dafür ist, sehr schnell auf Anforderungen des fortwährenden, stetigen Wandels zu reagieren. Somit können wir als Think Tank flexibel unsere Netzwerkpartner*innen mit Wissen und Lösungen versorgen. Gleichzeitig muss dabei aber auch bedacht werden, dass diese Themen gesellschaftlich getragen werden müssen. Daher wird auch der Austausch mit Bürger*innen für uns immer wichtiger.

Einer deiner Forschungsschwerpunkte ist „Urbane Resilienz“. Worum geht es hier genau?

Fangen wir beim Begriff „Resilienz“ an, der jetzt durch die Pandemie endlich mehr Beachtung gefunden hat. Ganz allgemein geht es um die Anpassungsfähigkeit gegenüber Veränderungen. Dabei stehen nicht nur Katastrophen im Vordergrund, im Wasserbereich wären das zum Beispiel Überflutungen. Der Begriff beschreibt vielmehr, wie sich Gesellschaften an immer schneller wandelnde krisenhafte Prozesse anpassen können, ohne dabei zu verlieren, was sie ausmacht. Die Digitalisierung ist sicherlich selbst ein Treiber, der in einigen Bereichen als krisenhaft wahrgenommen wird. Sie bietet aber auch viele Lösungen, um ganz bewusst dringend notwendige Veränderungen zur Erreichung der Klimaziele zu ermöglichen. Gerade mit Blick auf die normalerweise auf Langfristigkeit ausgelegten städtischen Infrastrukturen oder bestehende Governance-Strukturen ist eine ganz neue Herangehensweise notwendig, um den sich abzeichnenden Veränderungen in angemessener Geschwindigkeit zu begegnen. Dies erfordert eine grundsätzliche Restrukturierung von Governance-Prozessen und in diesem Kontext ein Überdenken von Infrastrukturen und Technologien. Letztere darf kein Selbstzweck sein!

In der deutschen Wasserwirtschaft gilt ja das Vorsorgeprinzip: Gewässer sind im Einklang mit dem Naturhaushalt so zu bewirtschaften, dass vermeidbare Beeinträchtigungen ihrer ökologischen Funktionen unterbleiben. Ist Resilienz ein Synonym für das Vorsorgeprinzip?

Das Vorsorgeprinzip verfolgt ja wesentlich das Ziel der Nachhaltigkeit. Tatsächlich beobachte ich gerade, dass durch die Pandemie sehr viel über Resilienz und Nachhaltigkeit gesprochen wird, ohne sich dabei darüber klar zu sein, dass die beiden Begriffe inhaltlich nicht gegeneinander austauschbar sind. Nachhaltigkeit ist ein normatives Konzept unserer Gesellschaft, wie beispielsweise in den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN manifestiert. Dagegen ist Resilienz nicht normativ, sondern vielmehr eine Strategie, wie Kommunen besser auf Wandel reagieren können beziehungsweise, im Bestfall über die notwendige Resilienz verfügen, die notwendigen Transformationen zu gestalten und umzusetzen. Eine Strategie zur Erreichung höherer Resilienz ist es, Reserven vorzuhalten. Wenn man keine freien Kapazitäten hat, wie z.B. Ressourcen oder Speicherräume in der Stadt, ist man weniger resilient und damit weniger gut aufgestellt, sich abzeichnenden Veränderungen zu begegnen. Dagegen könnte man Nachhaltigkeit sehr verkürzt mit Effizienz übersetzen. Also, wie gehen wir mit den knappen Ressourcen, die wir haben, effizient um. Dies könnte allerdings zur Folge haben, dass wir weniger Reserven vorhalten würden, als gemäß einer konsequent zu verfolgenden Resilienzstrategie geboten wäre. Also kurz gesagt: Resilienz ist tatsächlich kein Synonym für das Vorsorgeprinzip. Auch in der Wasserwirtschaft muss daher das Ziel sein, genügend Resilienz für die Transformation in Richtung einer nachhaltigeren Stadt vorzuhalten.

Trockenheit und Starkregen haben schon jetzt die Grenzen der Anpassungsfähigkeit von Wasserinfrastrukturen an den Klimawandel gezeigt. Welche Beiträge müssen von der Forschung noch kommen, um die Resilienz von Städten gegen die sich abzeichnenden Veränderungen weiter zu stärken? Was kann das KWB zukünftig dazu beitragen?

Im Wasserbereich haben wir es oft mit verteilten und teilweise sehr dezentralen Systemen zu tun. Ich glaube, an dieser Stelle kommt die Digitalisierung ins Spiel, diese verteilten Systeme besser zu verstehen und zu betreiben, um die hier schlummernden Kapazitäten verfügbar zu machen. Grundsätzlich sind die Systeme, beispielweise im Regenwassermanagement, punktuell gut verstanden. Aber in ihrer Funktion als Netzwerk in der Stadt gibt es noch ein aufzuholendes Wissensdefizit. Und obendrein muss noch untersucht werden, wie man vorhandene Kapazitäten auch verlässlich einsetzbar machen kann. Dies gilt insbesondere im Bereich blau-grün-grauer Infrastruktur, ein Konzept, dass es ja schon länger gibt und was per Definition dezentral gedacht ist. Hier ist schon immer die große Herausforderung gewesen, diese dezentralen Strukturen evidenzbasiert verfügbar zu machen und sie damit auch gezielt ansteuern zu können. Da muss noch einiges passieren. Hier hat das KWB schon viel Vorarbeit geleistet und wird diese weiter vorantreiben.

Jochen, sicher ist es eine ganz besondere Herausforderung, die Geschäftsführung in Pandemiezeiten zu übernehmen. Kann die Corona-Krise mit den weltweiten Shutdowns vielleicht aber auch als riesiger Feldversuch für urbane Resilienz genutzt werden?

In gewissen Maßen ja. In der Resilienz unterscheidet man immer zwischen Schock und Krise. Der anfängliche Lockdown war natürlich erstmal ein Schock für die Systeme, aber gleichzeitig wurde in der Reaktion darauf tatsächlich Wandel induziert wie das vermehrte Arbeiten von zuhause, was vorher immer mal wieder und zögerlich, aber nicht in dem jetzigen Maße versucht wurde. Ich glaube daher, dass sich in der Arbeitswelt wesentliche Dinge dauerhaft verändern werden. Auch die Kolleg*innen vom KWB haben erlebt, dass wir im Lockdown gut arbeiten können. Dennoch haben wir auch verstärkt gelernt, wann wir uns als Personen physisch treffen müssen. Als ein Unternehmen, das Innovationen pusht, haben wir erfolgreich neue Kommunikationsplattformen getestet. Ich glaube aber, dass wir mit unserem eingespielten Innovationsökosystem langfristig nur erfolgreich sein können, wenn wir regelmäßig, gezielt und auch mal zufällig Face-to-Face zusammenkommen. Um auf die Ausgangsfrage zu kommen: ja, Resilienz bietet Chancen auf positive Veränderungen, ich glaube aber nicht, dass die „Post-Corona-Stadt“ – und im Übrigen auch die „Smart-City – komplett anders aussehen wird als die heutige Stadt. Der Unterschied wird darin liegen, wie wir sie nutzen und betreiben.

Wo kann man dich eigentlich treffen, wenn du dich nicht am Einstein Zentrum oder am KWB aufhältst?

Ich bin natürlich auf vielen Veranstaltungen zum Thema Wasser in der Stadt unterwegs. Darüber hinaus darf ich Berlin als Mitglied des gleichnamigen Beirats in seiner neuen Smart-City-Strategie beraten. Weiterhin bin ich im Beitrat der Tempelhof-Projekt GmbH unterwegs und darf das faszinierende Projekt der Weiterentwicklung des stillgelegten Tempelhofer Flughafens begleiten. Man trifft mich auch im Rahmen der Dialogplattform Smart Cities des Bundesministeriums für Inneres, Bau und Heimat, wo ich unter anderem daran arbeite, das Thema Wasser in der Smart Cities Debatte zu integrieren. Das geschieht noch viel zu wenig!

In meiner Freizeit findet man mich im Grünen, wo ich mir die Natur erwandere. Das Digitale fasziniert, aber das Wasser ist vielleicht für jeden Menschen noch ein bisschen wesentlicher und näher an der Seele. Beides miteinander bei meiner Arbeit am KWB und ECDF verbinden zu dürfen, erlebe ich als ein großes Privileg.

 

Die Fragen stellten Moritz Lembke-Özer und Bodo Weigert.