Mit Regenwasser Lebensqualität schaffen

Gespräch mit Dr. Andreas Matzinger über Hitze-Inseln in der Stadt, die Begrünung von Gebäudedächern und die Frage, wie sich durch geschicktes Wasser-Management die Lebensqualität in der Stadt trotz des Klimawandels verbessern lässt.

Dr. Andreas Matzinger, Wissenschaftler am Kompetenzzentrum Wasser Berlin

Dr. Andreas Matzinger, geboren 1974, studierte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich Umweltnaturwissenschaften und promovierte im Bereich Gewässerforschung. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Kompetenzzentrum Wasser Berlin.

Der Sommer 2018 war einer der heißesten aller Zeiten, der Sommer 2019 scheint nicht anders zu werden. Klimaforscher vermuten, dass solche Temperaturen die Regel werden könnten. Wie kann sich Berlin dagegen wappnen?

Andreas Matzinger: Besonders wichtig ist es, das vorhandene Wasser in der Stadt nachhaltig zu nutzen. Regenwasser ist eine wertvolle Ressource. Wir sollten sie verstärkt für die Vegetation und dadurch zur Kühlung der Luft nutzen.

Berlin soll zur „Schwammstadt“ werden, fordern manche Experten. Was bedeutet das?

Andreas Matzinger: Der Begriff wurde in China geprägt. Dort hat man im Zuge der rasanten urbanen Entwicklung Aspekte wie Entwässerung und Kanalisation zu wenig berücksichtigt. Jetzt haben die chinesischen Millionenstädte mit Überflutungen und enormer Gewässerverschmutzung zu kämpfen. Daher will man das Wasser vermehrt im urbanen Raum zurückhalten, gleichsam wie in einem Schwamm. Ich halte den Begriff „Schwammstadt“ aber für nicht besonders glücklich. Wir sollten in Berlin eher anstreben, die Verhältnisse wieder dem natürlichen Wasserkreislauf anzunähern.

Wie meinen Sie das?

Andreas Matzinger: In den Wäldern im Umland verdunstet etwa 80 Prozent des Regenwassers: Es sickert erst in den Boden, wird von Pflanzen aufgenommen und verdunstet schließlich über die Blätter. Nur etwa 20 Prozent fließen ins Grundwasser ab. In der Stadt dagegen werden bis zu 50 Prozent des Regenwassers über Kanäle in Gewässer wie die Spree oder den Landwehrkanal eingeleitet. Das ist nicht nur Verschwendung, es führt dort auch zu Problemen.

Weshalb?

Andreas Matzinger: Gelangen plötzlich riesige Wassermengen in kleine Flüsse, wird das Flusssediment umgewälzt und darin lebende Arten werden gestört oder weggeschwemmt. Geschieht das zu häufig, kann sich da kein ökologisches Gleichgewicht etablieren. Und noch etwas ist zu berücksichtigen: Als Laie denkt man, Regenwasser sei sauber. Was in den Gewässern ankommt, ist aber eine oft stark verunreinigte Brühe, nicht nur durch Hundekot oder Zigaretten aus dem Straßengraben. Ein weitgehend unterschätzter Faktor sind Chemikalien aus Dachbahnen und Fassadenfarben, etwa Giftstoffe gegen das Algenwachstum. Berlin emittiert pro Quadratmeter ähnlich viele Pestizide wie eine intensiv genutzte Landwirtschaftsfläche.

Sollte man also auch Regenwasser in Kläranlagen leiten?

Künstliche Wasserflächen speichern Regenwasser, Malzfabrik in Berlin-Tempelhof

Andreas Matzinger: Im Zentrum Berlins, in etwa innerhalb des S-Bahn-Rings, werden Regenwasser und Abwasser im selben Kanal gesammelt. Da wird also auch das Regenwasser mit in der Kläranlage gereinigt, wodurch weniger Schadstoffe und Mikroplastik in die Gewässer gelangen. Doch dieses sogenannte Mischwasser-System hat auch Nachteile: Bei Starkregen kommt es zu den berüchtigten Überläufen – und auch ungereinigtes häusliches Abwasser schwappt aus Kanalschächten in Gewässer. Das kann bei hohen Temperaturen im Sommer Fischsterben auslösen. Und durch den Klimawandel steigen ja nicht nur die Durchschnittstemperaturen. Auch extreme Regenfälle werden möglicherweise häufiger: Im Juni 2017 schüttete es in Berlin tagelang. An tiefliegenden Stellen wurden Straßen überflutet, das Wasser lief auch in manche U-Bahn-Stationen. Auch aus diesem Grund ist es so wichtig, möglichst viel Regenwasser zurückzuhalten und nutzbar zu machen. Dachbegrünungen beispielsweise können bis zu 70 Prozent des dort jährlich anfallenden Regenwassers auffangen.

Warum sind dennoch nur drei Prozent der Berliner Gebäudedächer begrünt?

Andreas Matzinger: Drei Prozent sind bereits ein schöner Erfolg! Keine andere Stadt in Deutschland ist da so weit. Selbst Hamburg, das oft als Paradebeispiel genannt wird, erreicht deutlich weniger. Aber sie haben schon Recht: Es gibt auch in Berlin noch Luft nach oben. Bis zu 40 Prozent der Dächer kommen in der Hauptstadt für eine Begrünung in Frage. Und Dachbegrünungen kühlen nicht nur die Räume darunter. Auf niedrigen Schulgebäuden helfen sie durch Verdunstung auch mit, dass sich die Schulhöfe im Sommer nicht so stark aufheizen.

Wohin mit dem Regenwasser, wenn man weder Garten noch Flachdach hat?

Andreas Matzinger: In Alleen kann man es den Bäumen gezielt zuleiten. In Australien und den USA wurden mit diesem Ansatz bereits gute Erfahrungen gemacht. Auch WC-Spülungen lassen sich mit Regenwasser betreiben. Im Kulturzentrum ufaFabrik in Berlin-Tempelhof wurde das zum Beispiel erfolgreich umgesetzt. Man braucht dafür zusätzliche Wasserleitungen. Grob geschätzt kann sich ein solcher Einbau aber auch in Wohnhäusern nach etwa zehn Jahren rechnen.

Regenwasserrückhaltebecken in Berlin-Tempelhof mit “Floating University” im Sommer 2018

Innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings wird es im Sommer bis zu fünf Grad heißer als außerhalb.

Andreas Matzinger: Richtig. Ganz besonders steigt die Hitze auf betonierten Freiflächen wie dem Alexanderplatz an, wo Beschattung weitgehend fehlt. Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen klar, dass starke Hitzebelastung der Gesundheit schadet, insbesondere bei älteren Menschen. Wir sollten daher vermehrt Grünflächen in die Stadt zurückbringen. Denn dann wird das Wasser von Pflanzen aufgenommen, verdunstet – und sorgt, gemeinsam mit Beschattung, für Kühlung. Überhaupt sollten die Menschen Wasser im öffentlichen Raum sinnlich erleben können.

Träumen Sie von Paradiesgärten auf dem Alexanderplatz?

Andreas Matzinger: Oft helfen bereits einfachere Maßnahmen: Vielleicht kennen sie das Wasserbecken aus Beton auf dem Potsdamer Platz. Es wird ausschließlich durch Regen gespeist. Im Sommer sitzen da die Menschen am Rand und baden ihre Füße im kühlen Wasser.

Was aber tun, wenn es monatelang gar nicht regnet, wie im vergangenen Sommer?

Andreas Matzinger: Wir sollten Wasser wo immer möglich mehrmals nutzen: Sogenanntes Grauwasser – also schwach verschmutztes Abwasser aus Badewannen, Duschen oder Waschmaschinen – kann aufbereitet und zum Beispiel als Betriebswasser in Gebäuden oder vielleicht sogar zur Bewässerung verwendet werden. Hier fehlt es noch an größeren Anwendungen und es gibt noch einigen Forschungsbedarf, etwa zur stofflichen Belastung. Aber: Grauwasser ist immer verfügbar. Und gerade in heißen Sommern, wenn die Pflanzen in Parks durch Dürre gefährdet sind, duschen die Leute ja sogar öfter als sonst.

Interview: Till Hein, Journalist

Beitragsbilder: KWB und Andreas [FranzXaver] Süß
Portraits: Silke Reents (Ahnen&Enkel)