Erst SURFEN, dann SCHWIMMEN!

Kaum eine Metropole der Welt bietet so viele natürliche Badegewässer wie Berlin. Eine Website informiert über die Wasserqualität der Badestellen.

Die Website www.badegewaesser-berlin.de informiert über die Waaerqualität von 39 Berliner Badestellen

Havel, Spree und Dahme weiten sich an vielen Stellen zu so großen Flächen wie den Wannsee, den Großen Müggelsee oder die Grunewaldseen. Teilweise bleiben die Flüsse aber auch so schmal, dass man problemlos ans gegenüberliegende Ufer schwimmen kann. Diese aufgestaute Fluss-Seen-Kette ist eine Berliner Besonderheit. Die Wasserqualität ist gut – normalerweise. Bei Starkregen können allerdings Krankheitserreger ins Wasser gelangen und dann bei den Badenden Magen-Darm-Infekte auslösen. Über die neue Web-Anwendung www.badegewaesser-berlin.de kann sich nun jede und jeder vor dem Sprung ins Wasser über solche Gesundheitsrisiken informieren.

Flussbadestellen im Stadtzentrum

„Gerade Flussbadestellen im Stadtzentrum können bei extremen Wetterereignissen wie Starkregen zum Problem werden“, erläutert Dr. Pascale Rouault, Bereichsleiterin Urbane Systeme beim Kompetenzzentrum Wasser Berlin (KWB). Regenwasser fließt hier zusammen mit dem häuslichen Abwasser über die Kanalisation ins Klärwerk. „Regnet es allerdings sehr heftig, kann das die Kapazitäten von Kanalisation und Klärwerk überfordern. Damit Straßen und Keller nicht überfluten, fließt das Ganze dann über Mischwasserüberläufe in die Gewässer.“ In regenreichen Jahren passiere das bis zu 30-mal, in besonders trockenen Jahren wie 2018 nur wenige Male. Zwar reinigt sich Flusswasser durch natürliche Prozesse von selbst. „Das dauert aber unter Umständen ein paar Tage. In der Zwischenzeit kann verschmutztes Mischwasser in Flüsse und Seen fließen.“ Gerade an den stadtnahen Badestellen an der nördlichen Unterhavel bestehe dann das Risiko, sich beim Schwimmen einen Infekt einzufangen. Die südlichen Badestellen der Unterhavel haben hingegen seltener mit mikrobiologischen Belastungen aus dem Stadtgebiet zu tun, hier bannen Verdünnung, Strömung, Wind oder Sonneneinstrahlung die Gefahr.

“Flussbad Pokal” im Kupfergraben, einem Seitenarm der Berliner Stadtspree

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) prüft regelmäßig die Wasserqualität – an den meisten Stellen alle 14 Tage, in besonders sensiblen Bereichen der Unterhavel wöchentlich. Dann dauert es nochmal zwei Tage, bis die Ergebnisse vorliegen. „Das LAGeSo kann die Bevölkerung also erst warnen, wenn die Gefahr vielleicht schon wieder vorübergeflossen ist“, sagt Rouault. Diese Lücke schließt das vom KWB im Rahmen des bundesweiten Projekts FLUSSHYGIENE entwickelte Vorhersagesystem zur Qualität von Badegewässern, es ergänzt die regelmäßigen Messungen des Landesamts. Das Spree-Havel-System in Berlin war eines von vier Referenzgebieten in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten dreijährigen Forschungsprojekt.

Das Prognosetool wird seit Juli 2018 an den beiden Badestellen Kleine Badewiese und Grunewaldturm an der nördlichen Unterhavel eingesetzt. „Es handelt sich um ein statistisches Modell, das mit Daten gefüttert wird, die ohnehin täglich erhoben werden“, berichtet Rouault. Die Berliner Wasserbetriebe liefern die Regenwetterdaten, die Senatsverwaltung für Umwelt die Information, wie viel Wasser in der Unterhavel pro Sekunde abfließt. „Wir bringen diese Daten zusammen und schaffen dadurch einen Mehrwert.“ Sie werden automatisch eingelesen, aufbereitet und vom KWB dafür genutzt, für beide Badestellen Prognosen für den jeweiligen Tag zu erstellen. Das Vorhersagetool wurde anhand von umfangreichen Langzeitaufzeichnungen des LAGeSo kalibriert. „Der Vergleich mit Sonderuntersuchungen kurz nach Regenfällen hat gezeigt, dass unsere Computerberechnungen sehr treffsicher sind“, betont Rouault. Für die Informationen über die Wasserqualität ist weiterhin das LAGeSo verantwortlich. „Das ist auch deshalb sinnvoll, weil unser Frühwarnsystem über kurzzeitige Verunreinigungen informiert, das LAGeSo aber zum Beispiel längerfristige Informationen über einen möglichen Blaualgen-Befall besitzt und somit sämtliche Gefährdungsrisiken einschätzen kann.“

Automatischer Probennehmer zur mikrobiologischen Kontrolle der Wasserqualität an der Berliner Havel

Schon mehr als 50.000 Zugriffe

Über die neue Web-Anwendung kann jede und jeder direkt von den Forschungsergebnissen profitieren und sich tagesaktuell über die Wasserqualität der 39 offiziellen Berliner Badestellen informieren. Farbliche Markierungen zeigen an, ob sich das Gewässer am jeweiligen Tag zum Baden eignet oder nicht. Außerdem liefert die Seite weitere Informationen zur jeweiligen Badestelle, etwa ob sie barrierefrei ist, es WCs, Parkmöglichkeiten, ein Restaurant gibt. „Im Juli und August 2018 hatten wir schon fast 50.000 Besuche auf der Seite, die meisten davon vom Smartphone aus.“ KWB, LAGeSo, die Berliner Wasserbetriebe und die Technologiestiftung Berlin haben die fürs Smartphone optimierte Web-Anwendung gemeinsam entwickelt. Dass die Menschen sich online und mobil immer aktuell darüber informieren können, wo sie ohne gesundheitliche Bedenken baden können, entspreche dem Selbstverständnis Berlins als einer smarten, lebenswerten Metropole, sagte Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kolat beim Launch der Seite. Die Technologiestiftung hat bei der Umsetzung auch auf öffentlich zugängliche Daten zurückgegriffen. „Damit hat sie zugleich gezeigt, wie nützlich die Berliner Open Data-Strategie ist“, sagt Rouault. Berlin hat sich im E-Government-Gesetz von 2016 dazu verpflichtet, bestimmte Daten zugänglich und besser nutzbar zu machen. Die offenen Daten sollen mehr Transparenz schaffen und zugleich neue Geschäftsmodelle ermöglichen.

Überprüfung der Genauigkeit des Vorhersagemodells mit mikrobiologischen Messungen; Berliner Havel im Regensommer 2017

Das neue Frühwarnsystem ergänzt auch die EU-Badegewässerrichtlinie. Die formuliert zwar Mindestanforderungen an die Qualität von Badegewässern und schreibt vor, dass die Bevölkerung bei kurzzeitigen Verunreinigungen gewarnt werden muss. Sie nennt aber keine Grenzwerte für tägliche Bewertungen. Die Gewässerqualität insgesamt wird nur einmal im Jahr eingestuft, und zwar anhand von Daten der vorherigen vier Jahre. „Mit unseren tagesaktuellen Prognosen könnte die Richtlinie präzisiert werden“, sagt Rouault. Sowohl im Bund-Länder-Arbeitskreis Badegewässer als auch vor Experten der EU-Kommission, die sich mit der potenziellen Novellierung der Badegewässerrichtlinie beschäftigen, konnte die KWB ihren Ansatz bereits vorstellen.

Auch das Umweltbundesamt (UBA) ist interessiert daran. Es beschäftigt sich als wissenschaftliche Fachbehörde mit Infektionsrisiken in Badegewässern und hat das KWB bei der Entwicklung des Frühwarnsystems begleitet. „Das neue Prognosemodell ist insbesondere aus Verbrauchersicht ein wesentlicher Zugewinn“, sagt Camilla Beulker, Abteilungsleiterin Trink- und Badebeckenwasserhygiene beim UBA. Gerade in urbanen Räumen mit häufig frequentierten Badestellen leiste es einen wichtigen Beitrag für den vorsorgenden Gesundheitsschutz.